Ein Traum

Oder doch nicht so ganz

Diesen Traum hatte ich vor ungefähr drei Jahren,  inzwischen ergibt er für mich erst so richtig Sinn:

 

Ich stehe vor einem geschlossenen, schmiedeeisernen Tor. Dahinter befindet sich ein großes, prunkvolles Schloss. Im Hof haben sich viele Menschen versammelt. Viele haben ein Sekt- oder Weinglas in den Händen und es wird Konversation betrieben. Sie sind allesamt elegant gekleidet, die Frauen mit aufwendigen Frisuren und Make-Up. Manche Menschen tragen auch kunstvoll verzierte Masken, wie in Venedig zum Karneval. Eine Feier, denke ich, und möchte gerne auch dabei sein. Doch man lässt mich nicht ein. Ein Wächter am Tor schickt mich sogar weg. Er sagt: „Du wolltest nicht mehr dabei sein.“ Zuerst bin ich tief erschüttert, traurig, schon fast verzweifelt und auch wütend. Ich blicke weiterhin in diesen Hof, gefüllt mit Menschen. Der ein oder andere wirft mir einen abwertenden Blick zu, was mich noch trauriger stimmt.

Mit einem Mal bemerke ich allerdings, dass dort eine sonderbare Stimmung herrscht. Es geht überhaupt nicht fröhlich und lebendig zu. Alle sehen sie aus, als verhalten sie sich nach bestimmten Mustern und Rollen, steif und unbeweglich, fast wie Marionetten in einem Schauspielstück, dazu noch mit Masken vor ihrem Gesicht. Es wirkt mit einem mal schwer auf mich und gar nicht festlich, fast als wären die Menschen im Schloss irgendwo auch darin gefangen, ohne es vielleicht selbst zu bemerken.

Trotz meiner Sehnsucht nach Beisammensein mit Menschen, veranlasst mich irgendetwas meinem Blick in die andere Richtung zu wenden. Dort erstreckt sich eine weite, grüne und lichte Landschaft. Vor mir glitzert ein wunderschöner See und die Sonne scheint. Doch ich sehe keine Menschen und danach sehne ich mich. Dennoch genieße ich die Weite und das Licht der Sonne, nehme die Natur wahr, in der ich Leichtigkeit und vor allem Lebendigkeit spüre.

Noch einmal höre ich den Wächter, der mir mit schneidender Stimme mitteilt, dass ich in der Nähe des Schlosses nicht mehr willkommen bin. So wende ich mich ab und gehe in Richtung eines Waldes, der mir plötzlich ins Auge fällt. Dieser erinnert ein wenig an einen Park, manche der Bäume sind uralt und riesig, dazwischen gibt es immer wieder bunt blühende Wiesen oder lauschige Hecken. Eine große Wiese ist bevölkert von Menschen. Sie sind nicht so dicht gedrängt wie im Hof des Schlosses, dafür wirken sie frei und glücklich. Sie lachen, tanzen, singen, picknicken und spielen miteinander, sie ruhen sich aus, meditieren, lesen und schlafen. Es gibt Kinder, junge und alte Menschen, Menschen jeder Hautfarbe, ganz kunterbunt und vielfältig. Es gibt auch Tiere, herumtollende Hunde, trällernde Vögel, ein grasendes Pferd. Und die Luft ist erfüllt von etwas, das ich nicht gleich benennen kann.

 

Ich wage mich ein Stück in diesen parkähnlichen Wald und setze mich zuerst auf eine Bank, um dort anzukommen. Neben mir sitzt ein älterer Mann. Er sieht aus wie ein Bettler, ein Obdachloser, denke ich, doch er scheint vollkommen glücklich und zufrieden und irgendwo sehr erfüllt. Ich komme mit ihm ins Gespräch. Er sagt mir, er sei Melchior, einer der drei Könige, der einst das Gold zur Krippe von Jesus brachte. Er habe sich mal eine Auszeit genommen, hier in der neuen Zeit auf Mutter Erde, die bereits begonnen hat. Ich sei ja nun auch hier. Das freue ihn. Einst sei er auch aus einem ähnlichen Schloss den Weg in etwas Neues angetreten, das erst einmal unbekannt vor ihm lag. Dann schaut er auf die Wiese, wo Menschen teils zu zweit, teils in Gruppen zusammen sind, es gibt auch welche, die alleine sitzen oder im Gras liegen und selig in den Himmel schauen. Alle scheinen sie gerade das zu tun, was sie in diesem Augenblick in ihrem Herzen spüren. Es wirkt frei und harmonisch, so ganz anders, als ich die Menschen im Hof des Schlosses erlebt habe. Melchior lacht und deutet in die Richtung der Menschen. „Du siehst, du bist hier nicht allein. Es ist einfach anders und ihr alle werdet nach und nach hierher finden. Es ist Zeit. Das Schloss mit seinen Bewohnern wird sich wandeln, es wird auch sein Tor wieder öffnen. Habe Vertrauen.“ Langsam mache ich mich auf den Weg auf die bunte Wiese und spüre, ich war tatsächlich nie allein. Wie dieser scheinbare Bettler, der in Wahrheit ein weiser König ist. Und wer bin ich?

 

Traum und Text von Christine